Ausblick

Das St. Galler Konzept weiterdenken

Integriertes Management im Zusammenspiel von Menschen, Organisationen und intelligenten Systemen

Unternehmen stehen vor einer erweiterten Führungsaufgabe. Künstliche Intelligenz unterstützt die Wissensarbeit; intelligente Agenten können innerhalb festgelegter Grenzen Aufgaben bearbeiten und Handlungen ausführen. Zugleich verlangen veränderte Arbeitswelten, unsichere Rahmenbedingungen und neue technologische Abhängigkeiten nach Orientierung. Entscheidend wird, wie Unternehmen diese Entwicklungen in tragfähige Geschäftsmodelle, wirksame Zusammenarbeit und verantwortbare Entscheidungen übersetzen.

Das St. Galler Konzept Integriertes Management bietet dafür einen offenen Gestaltungsrahmen. Seine Weiterentwicklung verbindet die ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens mit den Anforderungen von Digital Leadership und den Forschungsfragen von Agentonomics. Im Mittelpunkt steht die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens: seine Fähigkeit, Wert zu schaffen, aus Erfahrungen zu lernen und sich unter veränderten Bedingungen zu erneuern.

Was sich für das Management verändert

Die Entwicklungen seit 2021 haben den Blick auf Digitalisierung erweitert. Mit generativer KI werden Analyse, Kommunikation und Wissensarbeit neu gestaltet. Agentische Systeme eröffnen darüber hinaus Möglichkeiten, Aufgaben über mehrere Arbeitsschritte hinweg zu bearbeiten. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, welche Beiträge Menschen und technische Systeme jeweils übernehmen sollen und wie ihr Zusammenwirken organisiert wird.

Gleichzeitig müssen Unternehmen ihre Abhängigkeiten verstehen: von Lieferketten und Absatzmärkten ebenso wie von Daten, Plattformen und technologischen Anbietern. Effizienz, Resilienz, Nachhaltigkeit und unternehmerische Handlungsfreiheit können dabei in Spannung zueinander geraten. Führung muss diese Zielkonflikte sichtbar machen und Entscheidungen im Zusammenhang beurteilen.

Hinzu kommen veränderte Formen der Zusammenarbeit. Räumlich verteilte Teams, unternehmensübergreifende Netzwerke und der Einsatz von KI verlangen gemeinsame Orientierung, verlässliche Zuständigkeiten und Möglichkeiten zum Lernen. Der Bedarf an integriertem Management wächst mit der Vielfalt der beteiligten Menschen, Systeme und Interessen.

Das St. Galler Konzept als Gestaltungsrahmen

Die systemorientierte St. Galler Managementtradition betrachtet Unternehmen in ihren Wechselwirkungen mit dem Umfeld. Das von Knut Bleicher geprägte und weiterentwickelte Konzept Integriertes Management verbindet normative Orientierung, strategische Entwicklung und operative Umsetzung. Es hilft, Managementfragen zu ordnen und ihre Zusammenhänge zu erkennen.

Für die heutigen Herausforderungen bedeutet dies:

  • Normativ: Den Zweck des Unternehmens, seine Werte und seine Verantwortung klären. Daraus ergeben sich auch die Massstäbe und Grenzen für den Einsatz intelligenter Systeme.
  • Strategisch: Zukunftsbilder, Geschäftsmodelle und Fähigkeiten entwickeln. Dazu gehört die Entscheidung, welche Kompetenzen das Unternehmen selbst aufbauen und welche Abhängigkeiten es eingehen will.
  • Operativ: Aufgaben, Ressourcen und Zusammenarbeit so gestalten, dass aus Entscheidungen wirksames Handeln wird und dessen Ergebnisse überprüft werden können.

Diese Ebenen sind mit Strukturen, Aktivitäten und Verhalten abzustimmen. Das St. Galler Management-HAUS veranschaulicht die entsprechenden Managementfelder und ihre Zusammenhänge. Der aus dem Denk- und Wissensnavigator hervorgegangene 5C-Navigator unterstützt ihre Bearbeitung: die Situation klären, Ursachen verstehen, Optionen entwickeln, Entscheidungen verbindlich machen und die Umsetzung mit Lernen verbinden. Neue Erkenntnisse führen dabei zur erneuten Prüfung der Ausgangsfragen.

So bleibt das St. Galler Konzept offen für unterschiedliche Unternehmen und Situationen und bietet zugleich Orientierung für konkrete Gestaltungsaufgaben.

Digital Leadership als Führungsaufgabe

Digital Leadership verstehen wir als Fähigkeit, Führung unter digitalen Bedingungen wirksam zu gestalten. Dazu gehören die Beurteilung technologischer Möglichkeiten, die Entwicklung der Organisation und die Zusammenarbeit mit Menschen, deren Aufgaben und Rollen sich verändern.

Führungskräfte müssen Informationen einordnen, Annahmen prüfen und mit Unsicherheit umgehen können. Sie schaffen Orientierung, bearbeiten Konflikte und ermöglichen Beteiligung. Beim Einsatz von KI kommt hinzu, geeignete Aufgaben auszuwählen, Ergebnisse kritisch zu beurteilen und die eigenen Grenzen wie jene der Systeme zu kennen.

Dafür brauchen Unternehmen eine Kultur, in der Fragen und Widerspruch möglich sind, Erfahrungen geteilt werden und Verantwortung übernommen wird. Vertrauen wächst durch nachvollziehbares Handeln und überprüfbare Ergebnisse. Die Weiterbildung muss deshalb persönliche Urteilskraft, Managementkompetenz und den praktischen Umgang mit KI miteinander verbinden.

Die St. Gallen imt Business School greift diese Aufgaben in Angeboten zu KI im Führungsalltag und zur Transformation von Unternehmen mit KI auf.

Agentonomics und die Architektur hybrider Managementsysteme

Agentonomics untersucht, wie Management gestaltet, gelenkt und weiterentwickelt werden kann, wenn Menschen und intelligente Agenten gemeinsam Managementleistungen erbringen. Der Forschungs- und Gestaltungsansatz verbindet Managementwissenschaft und Informatik.

Ausgangspunkt ist eine konkrete Managementaufgabe. Aus ihr werden die erforderlichen Wissensgrundlagen, Rollen, Befugnisse und technischen Fähigkeiten abgeleitet. Eine gemeinsame Managementarchitektur soll festlegen, wie die Beteiligten Informationen beurteilen, Entscheidungen vorbereiten, Aufgaben ausführen und aus den Ergebnissen lernen. Die Möglichkeiten und Grenzen der Technik wirken auf diese Gestaltung zurück.

Ein denkbarer Anwendungsfall ist die Beurteilung eines neuen Geschäftsmodells. Agenten könnten Marktdaten erschliessen, Annahmen vergleichen und Auswirkungen auf Ressourcen oder Liquidität aufzeigen. Die verantwortlichen Menschen wägen die strategische Richtung und die damit verbundenen Zielkonflikte ab. Nach einer Entscheidung könnten Agenten die Umsetzung innerhalb ihres Mandats begleiten und Abweichungen sichtbar machen.

Darin liegt eine doppelte Integrationsaufgabe: Agenten können helfen, Wissen und Managementbeiträge zusammenzuführen. Zugleich müssen sie selbst in die Organisation eingebunden werden. Für jeden Einsatz sind Aufgabe, nachgewiesene Befähigung, zulässiger Handlungsspielraum und zuständige Verantwortung zu bestimmen.

Die 38 Thesen zu Agentonomics konkretisieren diese Perspektive auf der Grundlage des St. Galler Konzepts. Der gemeinsame Bericht zum Management im Zeitalter intelligenter Agentensysteme formuliert die Grundzüge des weiterführenden Forschungs- und Gestaltungsprogramms.

Verantwortung und eigene Fähigkeiten erhalten

Wie weit Aufgaben an Agenten übertragen werden, hängt von ihrer Tragweite, ihrem Risiko und ihrer Umkehrbarkeit ab. Befugnisse, Kontrollpunkte und Eingriffsmöglichkeiten müssen entsprechend ausgestaltet sein. Die Beurteilung von Werten und Interessen sowie die Letztverantwortung verbleiben bei den zuständigen Menschen und Organen.

Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, Wissen im Unternehmen zu erhalten und zu erneuern. Dokumentierte Entscheidungsgründe, überprüfbare Annahmen und gemeinsam ausgewertete Erfahrungen helfen, auch bei personellen Wechseln handlungsfähig zu bleiben. Die Erfahrung und Urteilskraft der Menschen müssen dabei weiterentwickelt werden. Sie ermöglichen es, technische Beiträge einzuordnen und bewährte Vorgehensweisen unter neuen Bedingungen zu hinterfragen.

Forschung und praktische Erprobung verbinden

Die Weiterentwicklung des St. Galler Konzepts braucht den Austausch zwischen Wissenschaft, Unternehmenspraxis und Weiterbildung. Für Agentonomics stehen dabei vier Fragen im Vordergrund:

  • Wie lässt sich Managementwissen so aufbereiten, dass Menschen und Agenten auf einer gemeinsamen Grundlage arbeiten können?
  • Wie sind Aufgaben, Befugnisse und Verantwortung in dieser Zusammenarbeit zu ordnen?
  • Unter welchen Bedingungen verbessern sich Entscheidungsqualität, Umsetzung und organisationales Lernen, und wie stehen Nutzen, Kosten und Risiken zueinander?
  • Wie kann die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg gestaltet werden, ohne die eigene Handlungsfähigkeit und Kontrollierbarkeit zu beeinträchtigen?

Das Forschungsprogramm verbindet konzeptionelle Arbeit und konkrete Systementwürfe mit praktischer Erprobung und empirischer Prüfung. Die 38 Thesen und die bisherigen Berichte eröffnen diesen Entwicklungsraum. Welche Formen hybriden Managements sich als wirksam und wirtschaftlich tragfähig erweisen, ist Gegenstand der weiteren Forschung.

Unternehmen, Hochschulen und Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis sind eingeladen, Fallstudien, Erprobungsfelder und kritische Perspektiven einzubringen. Das Projekt Agentonomics bietet einen Zugang zu den Grundlagen und aktuellen Arbeiten. Die Publikationen der Agentonomics-Initiative vertiefen unter anderem Vertrauen, Fähigkeitensouveränität und die Gestaltung agentenbasierter Wirtschaftsnetzwerke.

Stand Oktober 2026

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